„Wir haben keine Kuschelthemen – Die Kunden kommen nur wenn sie ein Problem haben“

Es gibt wenige Branchen, bei denen man mit ähnlich vielen Vorurteilen konfrontiert wird, wie im Bereich Public Affairs bzw. Lobbyismus. Da hat man gerne den Kundenvertreter im Kopf, der sich von Geschäftsessen zu Geschäftsessen isst, Politikern Honig um den Mund schmiert und am besten direkt den Geldkoffer zur Hand hat. Boris Barth von ADVICE PARTNERS/Grayling hat uns erklärt, wie die Welt der Public Affairs tatsächlich aussieht. Nämlich – wenig überraschend – ganz anders.

Was ist Public Affairs überhaupt?

Grundsätzlich ist Public Affairs das Verbindungsstück zwischen Politik und Gesellschaft beziehungsweise den Unternehmen. Während Public Relations eher ausführend ist, ist Public Affairs eine Erklärung zur Selbstpositionierung gegenüber der Politik. Dazu sind insbesondere Kenntnisse über die Gesetzgebung und die zugehörigen Verfahren notwendig.

Die Hauptarbeitsphase der Gesetzgebung und damit auch der Public Affairs geht in der Regel von Oktober bis Mai. In dieser Zeit gibt es die Möglichkeit, sich mit Politikern und ihren Mitarbeitern auszutauschen. Public Affairs basiert im Grunde auf der Arbeit durch Informationen und Wissensvorsprung. Dazu benötigen die Beratungen „Insiderwissen“ und Einordnungen durch sprachlich versierte Mitarbeiter, welche die Themen zielgruppenspezifisch aufbereiten können. Trotzdem besteht die Agentur aus Generalisten, Abgrenzung für bestimmte Bereiche gibt es nicht.

Zur Kommunikation mit Abgeordneten, Ministern oder Staatssekretären gibt es genormte Verfahren und Protokolle, wie man sie anspricht und zu Veranstaltungen einlädt – wir sind ja schließlich in Deutschland. Dazu gab es von Boris Barth auch konkrete Handlungsempfehlungen für Public Affairs: Grundsätzlich sollte natürlich nur zutreffendes weitergegeben werden und Irreführung vermieden werden. Eine gute Vorbereitung auch auf die Interessen der Abgeordneten sind dabei das A und O.  Eigene Interessen sollten klar formuliert und kommuniziert werden, vom Branchenjargon und Fachtermini sollte man sich auch schnellstmöglich verabschieden. Neben all den Fakten, die man den Abgeordneten darstellt, sollte auch immer die Frage beantwortet werden, was das alles für die Politik bedeutet bzw. bedeuten würde.

Stichwort Klare Formulierung und Kommunikation: Was wäre ein Workshop ohne eine eindeutige Step-By-Step-Anleitung?
  1. Früh beginnen – nicht erst am Tag vor der finalen Abstimmung. Der Kontakt sollte schon VOR einer Gesetzgebung oder einem anderen kritischen Anlass hergestellt werden. Im Bereich Public Affairs gibt es keine Kuschelthemen. Die Kunden kommen nur, wenn sie ein Problem haben.
  2. Expertise aufbauen – Warum ist ein Gesetz erst später gekommen oder warum wird es überarbeitet? Die Argumentation und Position müssen gut vorbereitet sein. Dazu sollte klar sein, was man vom Ansprechpartner erwartet und wozu er motiviert werden soll.
  3. Auf den Ansprechpartner einstellen – Ist der Abgeordnete dafür überhaupt zuständig? Welche Rolle kann er übernehmen?
  4. Ausführliche Recherche der Entscheidungsfindung – Über die Abläufe, Zuständigkeiten, Berichte, Protokolle und Gesetze sollte man sich auch im Vorfeld ausführlich informieren.
  5. Das persönliche Treffen mit politischen Entscheidungsträgern gut vorbereiten: Zuerst sollte man mit den Mitarbeitern reden und die Ziele klar und verständlich erklären. Dabei sollte man zum einen Fragen stellen aber auch andersherum Zeit für Fragen der Abgeordneten lassen.
  6. Sachinformationen und Unterlagen vorbereiten – Das ist ein klassischer Fall von Zahlen, Daten, Fakten. Alles vorbereiten und – sehr wichtig – die Korrektheit auf Herz und Nieren prüfen.
  7. Nachbereitung des Treffens – Zusammenfassungen an die Politiker senden, aber auch an die Mitarbeiter. Die Aktivitäten des Politikers weiterhin verfolgen.
  8. Interessenskoalitionen aufbauen – Auch Unterstützung von außerhalb suchen! Zum Beispiel bei Verbänden, Organisationen aber auch bei anderen Interessenvertretern. Spezifische Informationen weitergeben und den Kontakt permanent halten.
  9. Sieg oder Niederlage – Niemand verliert gerne. Im Fall der Fälle trotzdem nicht jammern, sondern weitermachen!

Ein kurzer Abschluss zum Thema Vorurteile: Ja, im Bereich Public Affairs geht man oft mit den Abgeordneten essen – es gibt sogar richtige Lobbyisten-Hotspots. Viele Abgeordnete zahlen dabei aber auch selbst. Auch im Lobbyismus gibt es Ethikcodizes.

Geschrieben von Frederick Dustmann.